Kantonsspital St.Gallen – Haben Orchideendächer eine Zukunft?

Text: Caroline Zollinger; Bilder: © ZHAW

Mitten in der Stadt St.Gallen hat sich auf den Dächern des Kantonsspitals über mehrere Jahrzehnte ein wertvoller Lebensraum mit Tausenden von Orchideen entwickelt. Der Dachbegrünungs-Fachmann Stephan Brenneisen und sein Team beobachten die Dächer und arbeiten daran, die Vermehrung der Orchideen im Labor in den Griff zu kriegen, um in Zukunft Orchideendächer planbarer zu machen.

Das Kantonsspital St.Gallen ist reich an Orchideen. Gemeint sind nicht die Phalaenopsis-Töpfe auf den Fensterbänken der Patienten und Mitarbeitenden, sondern die einheimischen Orchideen, die sich auf den extensiv begrünten Dächern des Spitalgebäudes zu Tausenden etabliert haben. Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii), breitblättrige Fingerwurz (D. majalis) und Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) sind nur drei der insgesamt sieben verschiedenen Orchideenarten, die sich auf der Dachlandschaft in unterschiedlicher Anzahl und Kombination ausgebreitet haben. Von der Fachwelt entdeckt wurden diese aussergewöhnlichen Lebensräume bereits vor einigen Jahren anlässlich einer Begehung für eine Wildbienenstudie. Stephan Brenneisen, Leiter der in Wädenswil angesiedelten «Forschungsgruppe Dachbegrünung» bei der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZhaW), schildert seinen damaligen Eindruck: «Ich war begeistert von den Orchideen und setzte sofort einen Spezialisten darauf an, um Genaueres über die Artenzusammensetzung zu erfahren.» Seither haben sich die Lebensräume laufend weiterentwickelt und werden von seinem Team regelmässig beobachtet. Gemäss Rafael Schneider, der bei der ZhaW in Wädenswil innerhalb der Forschungsgruppe Dachbegrünung aktiv ist und sich seit 14 Jahren mit Orchideen befasst, schwankt die Blühintensität auf den Spitaldächern von Jahr zu Jahr. bis zu 12 000 blühende Individuen seien anlässlich der Zählungen auf den Dächern des Kantonsspitals erfasst worden. Die Orchideendächer in St.Gallen seien schweizweit nicht die einzigen, verrät der Fachmann. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung hat er 2009 insgesamt 31 weitere Dächer nachgewiesen, hauptsächlich in Städten wie Zürich, Luzern oder Aarau.

Ökologische Ausgleichsflächen

Die botanisch wertvollen Funde zeigen auf, wie ökologisch bedeutungsvoll Dachbegrünungen bei richtiger Planung sein können. Sie funktionieren als eigentliche Ausgleichsflächen in einer städtischen Umgebung mit einem hohen Anteil an versiegelten Flächen. Frei vom Nutzungsdruck durch Erholungssuchende können sie sich ungestört zu wertvollen Lebensräumen für eine Vielzahl von Insekten und Pflanzen entwickeln. «Begrünte Dächer werden in Zukunft vermehrt an Bedeutung gewinnen», ist Rafael Schneider überzeugt. «Schon jetzt gibt es begrünte Dächer in der Schweiz, die für den Naturschutz eine vergleichbare Bedeutung aufweisen können wie manch eine Fläche auf dem Boden», stellt er fest. Das Spitaldach in St.Gallen ist ein Mosaik aus grasigen Partien mit höherem Bewuchs und niedrigen, trockenen Bereichen mit Sedum– sowie Nelkenarten. Der Substrat-Aufbau variiert in der Höhe. Auf einer Wasserspeichermatte liegt ein Gemisch aus Sand, Kies und Leca. Die Pflegeeingriffe des Gärtnerteams sind minim und beschränken sich auf das regelmässige Entfernen von Baumsämlingen sowie das Reinigen der Abläufe und Prüfen der Dichtigkeit der Dachhaut.

Schweiz mit Vorbildfunktion

Der Schweiz kommt punkto Dachbegrünung international gesehen eine Vorreiterrolle zu. Es gehört heute zum gesetzlich vorgeschriebenen Standard, neu gebaute Flachdächer zu begrünen. Allgemein sei die Akzeptanz für begrünte Dächer über die Jahre sehr gestiegen. «Die meisten Bauherren schmunzeln zuerst, wenn man ihnen von seltenen Blumen und Spinnen erzählt, lassen sich aber in der Regel nach einigen Gesprächen faszinieren für die Dachbegrünung und verfolgen die Entstehung des Lebensraums sodann mit Freude», erzählt Stephan Brenneisen. Manch ein Unternehmen nutzt das Anlegen extensiver Grünflächen auf seinen Dächern sogar als imageförderndes Marketinginstrument, indem es beispielsweise in seiner Firmenbroschüre darauf hinweist. In Basel existierte bereits 2010 über eine Million Quadratmeter begrünte Dachfläche. Die Stadt schreibt auch vor, wie die Ausführung technisch auszusehen hat. Im Allgemeinen werde aufgrund des hohen Preisdrucks oft gespart und grobporiges Material mit zu geringem Kompostanteil verwendet, so Brenneisen. Dies führe dazu, dass sich die Pflanzen gar nicht ansiedeln könnten. Die Substratdicke und -zusammensetzung ist für das Funktionieren der Vegetation zentral. So sollte die Schichtstärke gemäss Empfehlungen der ZHAW mindestens 10 cm betragen, nur in regenreichen Gebieten und in Sonderlagen allenfalls etwas weniger. Zur Förderung der Biodiversität empfehle es sich, innerhalb einer Dachfläche unterschiedliche Schichtdicken einzurichten. Grundsätzlich genüge ein einfacher Aufbau bestehend aus Abdichtung, Schutzflies und Substrat.

Bilder: © ZHAW

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